SOPHIE DVOŘÁK


WORKS
TEXTS
CV
CONTACT
NEWS
Die Welt als mediale Kartografie im Umbruch
Ursula Maria Probst

Sophie Dvořák wendet in ihren kartografischen Bildtafeln eine abstrahierende, reduzierende und dekontextualisierende Formensprache an. Zunächst nimmt sie in ihren als Serie produzierten Bildtafeln eine konzeptuelle Analyse dessen vor, wie Bild und Sprache von den Printmedien für den Informationstransfer eingesetzt werden. Der kartografische Blick bildet einen gemeinsamen Nenner in der Kunst sich mit Konzepten der Abstraktion und gleichzeitig mit der Welterfahrung als Ereignisraum auseinander zu setzen. Diese multifunktionale Koexistenz der Karte erweiterte die Kunstheoretikerin Christine Buci-Glucksmann um deren mögliche Virtualisierung durch Handlungsabläufe. Landkarten und Kartografien, die in Tageszeitungen und Magazinen zur schnellen Erfassbarkeit lokaler und globaler Abläufe wie Naturkatastrophen oder Kriegsschauplätze abgebildet sind, wählt Sophie Dvořák zum Ausgangsmaterial ihrer Bildtafeln. Sie operiert zwischen dem Offenlegen und Enthüllen medialer, machtpolitischer, repräsentationstechnischer Strukturen und der Gegenaneignung didaktischer Modelle. Als räumliches Artefakt wird die Karte zum Überbringer eines Ereignisraumes. Ansonsten das Image der Landkarten ergänzende Texte wie „Erdrutsch“, „Truppe kommt nur langsam voran“ oder „Schneise der Verwüstung“ werden aus dem Bildkontext demontiert und als Titel hinzugefügt. Der dadurch im Bild forcierte Abstraktionsprozess bewirkt nicht nur einen Informationsentzug, sondern lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie mediale Berichterstattung sich kartografischer Zeichensysteme in der beschleunigten Zirkulation globaler Bilderwelten und im Wettlauf um die Manipulierbarkeit von Affektökonomien bedient. Die Wechselbeziehung zwischen Kartografie und Territorium lebt aus der Präzision des Trugbildes argumentierte bereits Jean Baudrillard gegen die dahinter steckenden Simulationseffekte.
Der kartografisch geordnete Raum verliert durch die Entleerung von Informationen in den Bildtafeln von Sophie Dvořák seine geopolitische Zuordbarkeit. Visuelle und indexikalische Zwänge glätten sich durch die monochrome grüne, blaue oder braune Behandlung der Bildflächen. Sie folgt hier Ludwig Wittgensteins Interpretation von der Karte als Bildtafel. Weiters lädt sie durch leere Sprechblasen dazu ein, diese individuell zu besetzen. Gegen die oftmals eingeforderte kartografische Vernunft wenden sich Anspielungen auf comicartige Piktogramme. Künstler, die als Kartografen agieren, nehmen meist eine Neuverteilung der Welt vor. Anders Sophie Dvořák, sie lenkt die Aufmerksamkeit auf den medienpolitischen Einsatz von Kartografien und nimmt insofern einer Art „cultural mapping“ vor. Wie gut die Landkarte als Projektionsfläche in unserer Medienkultur funktioniert, zeigt sich darin, dass nach der Entleerung von jeglicher Information, sofort Interpretationsversuche starten und vom Betrachter gerätselt wird, wo sich die reproduzierte Landschaftsregion befinden könnte. Gleichzeitig begibt sich der Blick gerade durch die Wahl des Motivs der Landkarte auf Reisen. Speziell der künstlerische Einsatz von Kartografien funktioniert sowohl allegorisch, tautologisch als auch entropisch und virtuell. Diese Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen auf Ereignisse oder Dinge, mit Perspektiven und Projektionen, mit dem Wissen oder eben Nichtwissen der Betrachter thematisiert explizit die Lücken, welche zwischen der Wahrnehmung und der Erkenntnisfähigkeit von Bildmedien, mit welchen wir ständig konfrontiert sind, existieren. Wie sehr Formation und Information von Formeln und Formaten umspannt wird, ist hier Thema. Mit diesem modifizierten Formbegriff wird die Erzeugung von Erkenntnis durch das Bild als Effekt seiner performativen Strukturen erkennbar. Künstlerische Auseinandersetzung mit Kartografien bedeutet nicht nur ästhetische Veränderung oder Transformation, sondern einen realutopischen Versuch, in eine kulturelle und medienpolitische Neukartierung einzugreifen. Der politische Wert des Formalen dringt in dieser Auseinandersetzung mit den Printmedien ebenso durch, wie die Frage, ob formale Zeit- und Raumkonstrukte durch die bloße Isolierung aus dem eigentlichen Kontext eine neue Relevanz gewinnen. Dabei agiert Sophie Dvořák innerhalb einer Praxis des Dysfunktionalen durch ein Weglassen, was soviel bedeutet, dass die Funktion und der Informationsfluss durchbrochen werden und gleichzeitig eine Entschleunigung erfahren wird.
Etymologisch betrachtet, gilt die Karte als Träger auf dem geschrieben wird, als Bildfragment, Raster oder Anhäufung verschiedener Schichten des Sichtbaren. Die in den Printmedien als Ereignisräume eingesetzten Kartografien erfahren durch die künstlerische Abstraktion eine Identitätsbrechung, die sie gleichzeitig zu Gegenmodellen ihrer ursprünglichen Intention macht. Gerade durch die Entleerung von sprachlicher Information eröffnet sich eine ikonografische Beweglichkeit. Laut Deleuze/Guattari ist die Karte eine Anti-Geologie in einer raum-zeitlichen Vielfalt. Wie Gilles Deleuze und Felix Guattari in „Rhizome“ bemerkten, ist die Karte kein Bild mehr, kein Abbild, sondern Rhizom und somit Bildtafel. Aus der Karte als geometrischem Grundraster der Welt, einem Gitter aus Koordinaten und Maßen ist ein Instrument des potentiellen Angriffs auf die Grundlagen ihrer Darstellung geworden. Sie ist nun kein geschlossenes System, sondern ein offenes, relationales.
Die weiterhin wachsend politische Instrumentalisierung der Medien bewirkt, dass sich die Hoffnung auf ein emanzipatorisches Potential erneut in die Kunst verlagert. Sowohl der Zweifel am Bild und an der Sprache, sowie die Kritik am Machtmissbrauch von Bildern laufen mit der Überzeugung zusammen, dass Bilder ihre Repräsentationsfunktion übersteigen. In der Verklammerung von Zeichnung und Texten wie „In der Phase der Manie ist man ohnmächtig“, „Systeme die krank machen“ oder „Herzliche Atmosphäre“, aus der Serie voir-savoir, gelangen Tendenzen der Medien zur Panikmache, Hetzkampagnen, Hysterie in den Zeichnungen von Sophie Dvořák zu einer pointierten Kollision. Die Involvierung und Verwobenheit sowie deren Lesbarkeit bleibt durch dieses Aufgreifen von medialen Produktionsbedingungen erhalten. Insofern funktionieren die Zeichnungen als künstlerische Interventionen im medialen Raum in welchem eine emotionalisierende Eventkultur anstelle einer aufklärerischen Informationskultur getreten ist.

Der Text erschien 2008 anlässlich der XV.Internationalen Grafiktriennale Frechen bei der die Arbeit Entropy mit dem 1.Preis ausgezeichnet wurde



Sophie Dvořák: The World as Medial Cartography in Radical Change
Ursula Maria Probst

Sophie Dvořák employs an abstracted, reduced and decontextualized language of form in her cartographic image boards. She carries out, in her boards produced in series a conceptual analysis of how picture and language in these convey information from the printed media.
Dvořák uses maps and mappings pictured in daily papers and magazines for quick accessibility, of local and global processes as a starting point. She operates between revealing and hiding medial-political power structures, their technical means for representation, and the opposing appropriations of didactic models. As spatial artifact, the map becomes the conveyor of an event-space. Apart from this, the images of supplementary texts like, ”landslide”, or “troops make only slow progress”, or, “path of devastation” are dismantled from their pictorial context and added as titles. The forced process of abstraction within the picture through this has not just the effect of causing a withdrawal of information but also brings one’s attention to how news reports in the media help themselves to cartographic sign systems in the accelerated circulation of global worlds of pictures, and in their competition for affect-driven economies that can be manipulated. The interrelation of cartography and territory growing out of the precision of the picture of deception was already presented as an argument by Jean Baudrillard, opposite its underlying simulation effects.
The space, ordered cartographically, loses a geopolitical way to be ordered, through the emptying out of information in the image boards of Dvořák. Visual and indexical pressures become leveled through the monochrome green, blue or brown treatment of the pictorial surfaces. Dvorák follows Ludwig Wittgenstein’s interpretation here, of the map as picture. She continues, through empty speech balloons, to let one fill these individually. In opposition to the often-appealed-to cartographic rationality, allusions turn into pictograms like those found in comics. Artists who act as cartographers carry out a new division of the world. Sophie Dvořák works differently. She turns our awareness toward the politically-oriented content of the media in ways of mapping, and carries out, in this respect, a kind of “cultural mapping”. How well the map functions as a projection area in our media-based culture is shown in that, after all the information has been emptied out of it, attempts at interpretation get started immediately, and the viewer tries to figure out where the reproduced region of landscape is to be found. At the same time, one’s glance, in picking out motives on the map, goes on a trip. Particularly the artistic vocabulary of maps functions allegorically in this way, tautologically, as well as being entropic and virtual. This kind of dealing with different ways of seeing events or things, with perspectives and projections, with assumed knowledge or lack of it in the viewer, explicitly makes its subject the gaps between our perception of the visual media, and our ability to acquire knowledge based on its offerings, that we are constantly confronted with. The subject here is how much formation and information is spanned by formulas and formats. With this modified concept of form the acquisition of knowledge is discernible through the picture as an effect of its performative structures. Artistic dealings with mapping do not only constitute aesthetic change or transformation, but also a real and utopian attempt to engage in a new cultural mapping involving the politics of the media. Just as the political value of the formal pushes through in this confrontation with the printing media, and the question of whether formal time and space constructs gain a new relevance through simple isolation from their contexts. In this way, Sophie Dvorák acts within the practice of the dysfunctional through omission, that means exactly that the function and flood of information are interrupted, and at the same time, a slowing-down is experienced.
Etymologically observed, the map as a carrier of something written upon it, is seen as a picture fragment, grid, or agglomeration of different layers of the visible. Mappings inserted into the printing media as spaces of events undergo, through the abstraction of art, a breaking-down of identity that makes them as models opposite to those originally intended. Precisely through the emptying out of linguistic information an iconographic fluidity opens up. According to Deleuze/Guattari the map is an anti-geology in a multiplicity of spacetimes. As Gilles Deleuze and Felix Guattari remark in “Rhizome”, the map is not a picture anymore, not an illustration, but a rhizome, and as such, an image board. The map as a basic geometrical grid of the world, of coordinates and dimensions, is made into an instrument that potentially takes on the very fundamentals of its representation. It is now no closed system but an open, relational one.

Text for the catalogue of the XVth International Triennale for Graphic Arts


.