SOPHIE DVOŘÁK


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Interview 12.9.2014

Wir sind zu Besuch bei Sophie Dvořák in der Pelzgasse im 15. Wiener Bezirk, ganz in der Nähe des Westbahnhofes. Das ist sozusagen ein Heimspiel, weil Claudia, Sophie und ich uns hier kennen gelernt haben. Wir befinden uns im 2. Stock einer ehemaligen Produktionsstätte für Präzisionswerkzeuge, wo Sophie mit drei Künstlerkollegen eine Etage teilt.
Sophie, du bist seit zwei Jahren in diesem Atelier, davor hast du in den Ateliers im mo.e (artist- run space) im 17. gearbeitet nach deinem Kunststudium an der Akademie in Wien und an der Glasgow School of Art in Schottland.
Ja, genau. Akademie in Wien, wo ich 2008 diplomiert hab, und Glasgow School of Arts. Da war ich eigentlich nur vier Monate als Erasmusstudentin. Gar nicht so lange, ein Trimester, aber für mich war das ein Wendepunkt in meiner künstlerischen Arbeit, weil ich dort mit dem Zeichnen begonnen habe. Zu dem Zeitpunkt habe ich meine Arbeit im Bereich Video und Fotografie beendet. Rückblickend war das für mich ein sehr wichtiger Schritt, deshalb erwähne ich den Aufenthalt auch immer in meiner Biografie.

Das ist interessant, wir greifen vor. Du hast in Wien Kunst studiert, davor allerdings auch eine Ausbildung zur Fotografin gemacht. Wie ergab sich der Weg von der Fotografie in die Freie Kunst, so wie du heute arbeitest?
Nach der Matura habe ich Kunstgeschichte studiert, mich hat Kunst sehr interessiert, ich dachte aber nie an die Möglichkeit selber Kunst zu machen. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, da war das nicht unbedingt etwas was im Blickfeld war. Ich studierte also Kunstgeschichte und habe dann auf der Graphischen Fotografie gelernt. Vier Jahre habe ich als selbstständige Fotografin gearbeitet, anfangs im Bereich der Bühnenfotografie, Theater, Tanz und Performance - spannend. Dann bin ich immer mehr in die Pressefotografie hineingerutscht. Irgendwann war die Luft raus, es hat mich gar nicht mehr gefreut und so habe ich beschlossen, ganz damit aufzuhören. Ich begann also 2004/05 an der Akademie bei Peter Kogler, habe dort noch weiter mit Fotografie gearbeitet und auch ein paar wenige Videoarbeiten gemacht, was spannend war, aber letztendlich nicht mein Medium. Und dann war ich in Glasgow. Durch die viele Zeit die ich plötzlich hatte, und die neuen Eindrücke, habe ich angefangen zu zeichnen. Das war etwas, was ich schon immer machen wollte, aber immer der Meinung war, “das kann ich nicht”. Manchmal hat man so komische Anwandlungen, Hemmungen. Mit Papier, Stift und “The Guardian” verbrachte ich dann die meiste Zeit.

Die Beschäftigung mit der Zeichnung kam also aus der Abgeschiedenheit heraus, daraus das Gängige zu verlassen..
Ja, genau -- und einfach machen. Interessanterweise war es so, dass ich die ersten zwei Jahre meine Zeichnungen fast ausschließlich anhand von Pressefotografien gemacht habe. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das nicht reflektiert, im Nachhinein ist es so offensichtlich, dass ich mich weiterhin mit dem Medium, mit dem, und für das ich bisher gearbeitet hatte, beschäftigte - aber auf eine andere Weise, nicht als Dienstleisterin für, sondern als kritischer Blick auf das Medium.

Du hast also zunächst Fotos als Vorlage für deine Zeichnungen verwendet.
Ja, die Tageszeitung war mein Pool aus dem ich schöpfte. Es entstanden hauptsächlich Strichzeichnungen in Schwarz/Weiß, kombiniert mit Textpassagen, Headlines und Bildtexten. Spannend fand ich einerseits dass der Pressefotografie, selbst in der reduzierten Übersetzung der Zeichnung, immer noch diese typische Ästhetik innewohnt, und andererseits, dass man sich doch viel mehr Zeit nimmt eine Zeichnung zu betrachten als ein Foto in der Zeitung die man schnell durchblättert. Wir sind ja auch schon total übersättigt und abgestumpft davon. Und die Zeitung ist ein unglaublich schnelles Medium das sich ständig episodenartig wiederholt. Diese frühen zeichnerischen Arbeiten hatten noch einen stark dokumentarischen Charakter.
Es ging mir schon auch darum dem Ganzen mehr Zeit, Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Wenn wir über diese Wege sprechen, durch die sich nach und nach die Arbeit entwickelt und die man im Moment vielleicht gar nicht so begreift oder überblickt, wie kam es zu der Arbeit mit Kartographie und dem Lexikalischen? Die Verwendung von gefundenen Lexika ist ja ein wesentlicher Bestandteil deiner Arbeit heute, zunächst hast du jedoch mit Kartographie gearbeitet.
Der Weg zur Kartographie kam auch über die Zeitung. In Zeitungen und Magazinen werden Kartographien, in einer ganz reduzierten und abstrahierten Form, zur Verortung herangezogen. Da gibt es die sogenannte "Ereigniskarte", eine Mischung aus Infografik und Kartographie. Mich hat die Zeichensprache interessiert, wie Symbole, Bild und Sprache von den Printmedien für den Informationstransfer eingesetzt werden, und letztendlich auch wie sie gelesen werden. Ich hab diese Karten immer wenn mir eine unterkam ausgeschnitten und gesammelt. 2008 habe ich dazu die Arbeit "Entropy" gemacht, mit der ich später auch einen Grafikpreis gewann. Kartographien sind ja im Prinzip nichts anderes als Projektionen in denen der Raum nach bestimmten Kriterien aufgeteilt wird. Machtpolitische Artefakte. In der Form der Ereigniskarte nochmal zusätzlich aufgeladen mit politischen, gesellschaftlichen Abläufen oder Zuständen, in Form von Symbolen. Da geht’s ja meistens darum Vorgänge an Kriegsschauplätzen nachzuzeichnen, Naturkatastrophen, oder ähnliche “Ereignisse” zu skizzieren und zu verorten. Um sich das kurz zu verbildlichen, diese Abbildungen sind oft nur 3 auf 4 cm groß. Aber egal, es braucht ja immer diese Abbildung, und wir sind ja wandelnde Assoziationsmonster und interpretieren das dann mit unserem Vorwissen schon richtig. An sich ja eine tolle Sache, für mich hat das aber immer so etwas Absurdes, es ist ein bissl ein Betrug, ein ästhetischer Betrug.

Es ist ein interessanter Gedanke, dass die Verwendung von Piktogrammen und Infografiken, der Versuch Sachverhalte visuell zu vereinfachen, immer weiter zunimmt in einer Welt, in der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge immer komplexer werden und kaum mehr durchschaubar sind. In den Medien wird der Versuch unternommen mit vereinfachenden Grafiken, Statistiken, Bildlegenden, Ereignisse und Zusammenhänge schlicht zu erklären und dem auch immer einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.
Ja, in den Medien wird ein abstrahiertes Bild geboten, dass auf seine Art weit weg ist von der Realität, die es behandelt. Und vor allem wird es in einer Ästhetik erfasst, die emotional, von dem was es eigentlich behandelt, komplett losgelöst ist.

Aber genau diese Ambivalenz ist ein Kerninhalt in deiner Arbeit.
Ja, auf jeden Fall. Es geht ja primär darum Information, Wissen, schnell erfassbar zu machen, ein Bild, eine Visualisierung von komplexen Vorgängen, statistischen Daten etc. auf einen Blick zugänglich zu machen. Was aber passiert ist dass diese dann wiederum so komplex sind, dass man erst lernen muß sie zu entschlüsseln. Auf gewisse Weise führt das Ganze sich selbst ad absurdum, finde ich. Ich verwende diese symbolhafte Bildsprache und ihre Elemente, übersetze dann aber sehr fragmenthaft.

Du gehst in deiner künstlerischen Arbeit den Weg sozusagen wieder zurück, indem du diese Kartographien, das Found Material auseinander nimmst und unter ästhetischen, nicht wissenschaftlichen Gesichtspunkten neu zusammensetzt. Es gibt eine Art Umkehrreaktion.
Ja, ich führe es noch einmal weiter, im Prinzip zerlege ich das Material, setze es neu zusammen, und bastle fiktive Welt- und Wissensbilder.Trotz des Weglassens von gewissen Informationen und der Neuanordnung Anderer haben die Arbeiten auf den ersten Blick eine wissenschaftliche Anmutung, die einen Inhalt und eine Aussage suggerieren. Man denkt, man bekommt Information übermittelt, aber es handelt sich eigentlich um ein chaotisches System, dem der Sinn verloren gegangen ist. Durch diese Eingriffe wurden die Funktion und der Informationsfluss durchbrochen. Für den Betrachter tun sich also Lücken auf, zwischen der Wahrnehmung und seiner Erkenntnisfähigkeit. Bei meiner Arbeitsserie "Shortcuts to Perception" verhandle ich das immer wieder aufs neue - das was verloren geht, was man versäumt wenn man die Abkürzung geht – und dass man es eben nicht auf den ersten Blick erkennt.

Ich denke, die BetrachterInnen fordert deine Arbeit, man muss sich Zeit dafür nehmen. Von weiter weg muten deine Blätter im ersten Moment zart und leise an, aber wenn man verweilt und näher tritt, kann man viel sehen und entdecken, eigene Welten und Systeme tun sich auf.
Meine Arbeit ist einerseits konkret in dem was sie behandelt, ich arbeite meistens sehr systematisch, in von mir, mehr oder weniger, streng abgesteckten Handlungsräumen, die Ergebnisse aber lassen viel offen, und animieren zu Interpretationen. Es erschließt sich vielleicht schnell ein ästhetischer Moment, weil die Bilder ansprechend sind, und man sie auch ohne den Kontext zu wissen in dem sie stehen, einfach schön und interessant finden kann. Im Vordergrund steht für mich aber der Versuch die Komplexität der Welt zu verhandeln, nicht stur wissenschaftlich, sondern mit einem künstlerischen, manchmal verspielten Ansatz. Ich verarbeite Fragen die sich mir stellen oder aufdrängen, an denen arbeite ich mich ab, durch Zusammentragen, Sammeln, Ordnen, Gegenüberstellen… schon ein wissenschaftlicher Prozeß eigentlich. Ich präsentiere ja dann aber keine Antworten, sondern versuche, und im besten Fall gelingt es, neue Blickwinkel zu öffnen.

Ein groß angelegter Arbeitszyklus der letzten Jahre war die Serie "Aa-Zy" für die du insgesamt 10 komplette Lexika aus den 10 Dekaden des 20.Jahrhunderts auseinander genommen und neu zusammengesetzt hast. Wie bist du vorgegangen?
Die Enzyklopädie erhebt ja diesen Anspruch der Vollständigkeit - das gesamte Wissen der Welt vereint in ein, zwei oder mehreren Bänden. Das fand ich faszinierend, wie Ordnungssysteme funktionieren, was dies für eine Gleichzeitigkeit, ein Nebeneinander zu Folge hat. Ich hatte lange Zeit ein altes Lexikon im Atelier liegen, aus den 50er Jahren. Irgendwann fing ich an, die Bilder zu jedem Buchstaben auszuschneiden und jeweils eine Collage aus ihnen zusammenzustellen. Eine Collage zu jedem Buchstaben also. Das ging schnell, machte mir Spaß und war der Anfang meiner Collage-Tätigkeit. Ich war fasziniert von dem Ergebnis, von diesen verdichteten kleinen Wissensgebilden der Welt- und Kulturgeschichte die ich da kreiert hatte. Dann hab ich mich gefragt ob und wie diese Abbildungen denn die Zeit in der die Enzyklopädie erschienen ist wiederspiegeln. Was wird denn da abgebildet, bzw kann abgebildet werden, was wiederholt sich und wie verändern sich die Darstellungen, maßgeblich die Reproduktionstechniken. Und dann war für mich klar: ich brauche Vergleichsmöglichkeiten. Also beschloß ich mehrere Enzyklopädien nach der gleichen Methode zu bearbeiten. Für die Arbeit "Aa-Zy" entstanden schließlich über einen Zeitraum von 3 Jahren, 10 Serien, entsprechend jeder Dekade des 20. Jahrhunderts eine. Insgesamt besteht sie aus 272 Collagen.

Das ist eine beeindruckende Quantität, aber faszinierend ist auch die handwerkliche Technik mit der du wirklich klitzekleinste Papierschnittchen machst. Den meisten Menschen inklusive mir, würde die Geduld und das enorme feinmotorische Geschick für so eine Präzisionsarbeit fehlen. Wie machst du das, sitzt du Tage lang mit der Lupe in der Hand im Atelier?
Ich arbeite mit einer sogenannten Pinzettenschere, eine kleine feine Präzisionsschere, Lupe brauch ich zum Glück keine, aber, ja, ich sitze oft stundenlang daran… aber das gehört dazu, sonst kommt man ja nie zum spannenden Teil, außerdem hat es auch etwas Meditatives. Und bei nicht so feinen Ausschneidearbeiten kann ich sogar mal einen Film nebenbei schauen. Zugegeben eher leichte Kost, bei der man nicht immer hinschauen muss. Wenn alles ausgeschnitten ist - was sowieso 4-5 mal soviel ist, wie ich schlußendlich verwende - dann ist es wie Puzzeln mit unendlich vielen Möglichkeiten. Das ist dann der spannendste Prozess. Wie die Teile zusammenkommen, oder nicht, und wie das Bild das man vielleicht schon im Kopf hatte am Papier wächst.

An was arbeitest du im Moment?
Momentan arbeite ich noch weiter an der Serie "Archelogy of the Future”. Collagen in denen ich Bildmaterial aus Science Fiction Comics und Lexika aus dem 19.Jhdt zu utopischen Bildwelten verschmelzen, oder aufeinandertreffen - wie man’s nimmt - lasse. Auf weitere Sicht ist der nächste Schritt vom Papier weg zu arbeiten, dreidimensionaler, ein Animationsfilm ist auch angedacht..aber das ist alles noch nicht spruchreif, ich experimentiere noch herum.

Sophie, vielen Dank für das Interview.

Das Interview wurde am 12.9.2014 von Käthe Schönle geführt und erschien auf dem blog drittehülle


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