SOPHIE DVOŘÁK


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Zum Werk von Sophie Dvořák
Christian Bazant-Hegemark

Seit ihrem Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien arbeitet Sophie Dvořák methodisch in unterschiedlichen Medien, hat hierbei aber für Papier eine besondere Affinität. So verhandelt sie in ihren frühen Zeichnungen vor allem Bild- und Textelemente aus Zeitungen, und dekliniert über die Jahre eine Vielzahl weiterer Informationskanäle und serieller Medien. Dieser Grundtenor der Serialität scheint als formales Epizentrum des Werks bereits in frühen Arbeiten etabliert.
Verbindendes Moment der von ihr verwendeten Medien ist jedenfalls nicht notwendigerweise die produzierte Werkästhetik, sondern vor allem der von ihr angewandte Prozess: einer der Appropriation wissenschaftlicher Methodologien. Ein Sammeln und Ordnen zum Zweck der Entwicklung unterschiedlicher Fragen und Sichtweisen, anstatt eines direkten Suchens nach bzw. Implementierens von Antworten. Interessanterweise agiert sie heute selbst als Produzentin serieller Werkzyklen – der Einfluss der verarbeiteten Materialien hat sich neben der ästhetischen Ebene über die Jahre auf schlüssige Weise auch inhaltlich verfestigt. Anders als die reflektierten Medien, die fast ausschließlich in gebundener Form vorliegen (als Buch, Karte, Atlas, etc.), erlauben Sophie Dvoˇráks Werke eine bestimmte Gleichzeitigkeit des Blicks. Diese wird mittels des Scherenschnitts erlangt, als eine Art Ent-Faltung des Ausgangsmaterials. Er stellt in den letzten Jahren das bei ihr vielleicht am häufigsten genutzte Werkzeug dar: Wo in traditioneller Malerei der Pinsel der Künstlerin (und in Folge den RezipientInnen) die Welt erschließt, sie erschließ-, erfahr-, und abfragbar werden lässt, ist dies in ihrem Prozess oft die Schere. Der Akt des Durchschneidens verändert die Topologie, indem er der ursprünglichen nachhaltig eine weitere hinzufügt – neben der Trennung von Verbundenem impliziert das Durchschneiden demnach immer auch die Kreierung von etwas Neuem. Diese Vorgehensweise wendet die Künstlerin in Folge auch auf anderen Ebenen ihres Prozesses formal konsequent an. Das allgemein disruptive Wesen des Scherenschnitts ist scheinbar notwendig, um die nachfolgende Neuordnung der Fragmente verstehen lernen zu können, wird hier aber mit einer unerwartet haptischen Sensibilität im Umgang mit dem Verarbeitungsmaterial durchgeführt.

Vom Ordnen
Dvořák betrachtet Collagieren und Zeichnen als verwandte Medien, deren Handschriftlichkeiten sich jedoch darin unterscheiden, auf welche Weise sie mimetische Referenzierungen vornehmen. Die Collage verweist auf vielleicht natürlichere Weise auf das Pathos des Ausgangsmaterials, da dieses ja häufig sichtbar bleibt. Die von Dvořák ausgewählten Medien suggerieren oft die Verfügbarkeit eines geordneten Weltenwissens; wenn sie Wissensmaterialen verarbeitet, werden diese zur Suche von Verbindungen neu geordnet. Dabei wird einer Poetik des verwendeten Materials nachgespürt, und diese im Sinne der Werkinteressen umgearbeitet – wodurch die Flüchtigkeit des Ausgangsmaterials präsent bleibt bzw. auch an Präsenz gewinnen kann.
Die Nutzung der Collage in einer zeitgenössischen künstlerischen Praxis verweist auch auf panoptische Weltsichten, wie sie für heutige Lebenserfahrungen prägend scheinen. Rhizome nach Deleuze und Guattari können geeignete Ordnungs- und Abbildungssysteme solcher multipolaren Strukturen sein – um solche könnte es sich auch bei Dvoˇráks Arbeiten handeln.
Postmoderne Kunst kann einen vermeintlichen Wahrheitsgehalt zwischen Ursprung und Abbild nicht zur Bewertung ihrer “Relevanz” nutzen, da jegliche Visualität ihren eigenen, in sich gültigen Ursprung darzustellen vermag: die visuelle Realität ebenso wie etwa deren potentielle Abstraktionen. Dvořák führt in ihren Collagen vielleicht die Fragen zwischen Ursprung und Abbild auf postmoderne Weise auf einen Punkt, den die von ihr verarbeiteten Materialien in ihrer ursprünglichen Form nicht erreichen können – wo diese, ähnlich den Werken der Vormoderne, einen Wahrheitsanspruch in ihrer Aussagekraft zur Welt erheben, agieren Dvořáks Arbeiten vielleicht bereits jenseits der Vorstellung von Wahrheit.

Von Karten und Unabgebildetem
Karten können als textlich-visuelle Ordnungssysteme verstanden werden, die einem flüchtigen Zustand eine Aura der Permanenz zuzuschreiben versuchen. Man könnte ihnen nachsagen, die eigentliche Flüchtigkeit ihres semantischen Ursprungs vertuschen zu wollen; vielleicht versuchen sie, das Flüchtige ihrer Flüchtigkeit als Permanenz anzubieten – Karten als Hegemonialwerkzeuge zur Erreichung einfacher Zwecke: Zur Stärkung der Agenden der sie Produzierenden. Sie stellen eine Verbindung von Macht und Kunst dar, werden jedoch häufig als Wissenssysteme rezipiert, die der Bildung bzw. dem Erkenntnisgewinn dienen. So wichtig wie das Abgebildete, ist in ihnen aber offensichtlich auch jegliche Auslassung: Dvořák ist vor allem daran, am Raum zwischen Ursprung und Abbild, interessiert; an dem, was Wissenssysteme womöglich verdecken könnten. Sie reflektiert die Komplexität der Metaebenen solcher Systeme, deren Aufladung den zunehmenden Ansprüchen der Wissensgesellschaften gerecht zu werden versuchen. Unterschiedliche ihrer Arbeiten heben daher Metaebenen des Ursprungmaterials hervor, wodurch visuelle Systeme entstehen, die einen abstrakt narrativen Charakter haben und auf fiktiv-dadaistische Welten und Zusammenhänge verweisen. Was verkürzt oder abstrahiert wird, erhält bei Dvořák Fokus und Aufmerksamkeit, die im ursprünglichen Abbildungsmedium nicht enthalten sind. So erweitert und ordnet sie das Ausgangsmaterial zu einem offenen semantischen Netz, ohne die darin vorkommenden Elemente zu bewerten. Sie scheint über die Jahre ein System des gleichberechtigten Umgangs mit visuellen und semantischen Chiffren auf eine Spitze getrieben zu haben, das durch seine vielschichtige Vermengung eine poetische Rezeption begünstigt; diese könnte durch eine rein wissenschaftliche Verarbeitung verdeckt bleiben bzw. auch an Präsenz gewinnen kann.
Dvořáks aktuelle Arbeiten erfahren eine zusätzliche skulptural-installative Ausweitung, wie zum Beispiel die Werkgruppe "Von Legenden und Projektionen", in der die Künstlerin Schulatlanten verschiedener Jahrzehnte systematisch zerlegt. An der Wand installierte Collagen zeigen Karten-Metainformation – sie stellen ein strukturiert angelegtes Verzeichnis ohne Referenz dar – und verweisen auf das dazugehörige, im Raum installierte Kartenmaterial.
Die Karten werden von ihrer Beschreibung getrennt, und reappropriieren die dritte Dimension – diejenige, die sie ursprünglich abzubilden suchten. Die räumliche Trennung von Karte und Metainformation wiederholt somit einerseits die topologische Teilung, wie sie prozessual bereits im Scherenschnitt stattfindet, zudem verweist sie auf die Zwischenräume, die Leerstellen, die in Karten durch die Abstraktion in Flächen, Striche und Farben notwendigerweise entstehen.
Einmal von der Künstlerin vollzogen, scheint der installative Umgang mit dem Werk so effektiv wie natürlich. Auf sanfte Weise findet im zurückgewonnenen physischen Raum zwischen Karte und ihrer Beschreibung das statt, was durch die ursprüngliche, hegemoniale Abstraktion verlorenging: eine Sicht auf das Imaginäre, wie es vielleicht nur Rezipierende in den Ausstellungsraum zu bringen vermögen, wenn sie als unwissender Teil einer Arbeit den Platz im Raum einnehmen, der durch die ursprüngliche Kreierung der Karte abhanden kam.
Dvořáks Werk macht die postmoderne Annäherung an (bzw. Adaptierung von) Ordnungssysteme/n erfahrbar, indem sie auf subtile Weise deren mögliche Zwischenräume aufzeigt. Durch die von der Künstlerin erarbeitete semantische Nivellierung entsteht ein Medium ästhetischer Ausbreitung, das erst durch Reduktion möglich scheint. Die dabei stattfindenden Entkontextualisierungen stärken den Blick auf etwas, das in zeitgenössischen Blickachsen zusehends riskiert, an Beachtung zu verlieren.

Der Text erschien 2015 im Katalog Sophie Dvorák | Kartographische Arbeiten (ISBN 978-3-9503894-5-6)


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